Samstag, 27. Juni 2009

El tiempo viene, el tiempo se va

Die Zeit rast, die Tage in Buenos Aires ziehen an mir vorbei, schneller, immer schneller. Langsam neigen sie sich dem Ende, die Tage in dieser wundervollen Stadt. In zwei Wochen beginne ich zu reisen, danach noch Abschied nehmen von der ciudad de la furia, und dann steig ich auch schon in den Flieger.
Aber noch ist es nicht so weit. Die verbleibende Zeit vor der Reise werde ich meine Chefin vertreten, weil die nach Deutschland reist. Das bedeutet also nochmal richtig arbeiten, dafür gibt's dann auch einen Bonus, perfekt für meine Tour! Diese Woche wurde ich in alles eingewiesen, und die nächsten 14 Tage bin ich dann für mehrere Seiten verantwortlich. Nebenbei hüpfe ich immer mal wieder bei La Mano vorbei und lerne designen mit dem alten Bekannten InDesign, den ich nach Visueller Kommunikation doch ziemlich vernachlässigt habe. Einen Text habe ich auch schon zu Papier gebracht, mein Freund der Art Director hat ihn jetzt weitergereicht an den zuständigen Redakteur. Für mein Popelpraktikum hab ich auch wieder geschrieben- ihr seht, ich arbeite fleißig.
So langsam muss ich mir dann auch mal einen Plan machen, wo ich überall hinreisen will. Peru, Bolivien und Norden Argentiniens ist doch etwas grob. Ein paar Pflichtstationen wie Machu Picchu oder Titicaca See und die grobe Route stehen natürlich schon, das müsste dann nur mal vertieft werden. Gegen Gelbfieber hab ich mich jedenfalls schon impfen lassen, sonst lassen sie mich nicht nach Bolivien rein. Handykauf habe ich wieder verworfen, da die meisten nicht in den anderen Ländern funktionieren. Meine neue Visa-Karte wurde mir jetzt nach Hannover geschickt, da liegt sie gut. Schicken Sie mir die neue Karte bitte an folgende Adresse in Argentinien war wohl zu kompliziert. Stattdessen kam jetzt ein Formular per Luftpost, um meine Adresse für die Bank langfristig zu ändern. Na vielen Dank, dann bleib ich eben, ha!
Und zwischen all diesen Dingen sicher ich mir das tollste Souvenir überhaupt.

Montag, 15. Juni 2009

hijo de puta

Alles faselt ununterbrochen von der großen Unsicherheit in Buenos Aires: Mord, Überfall, Polizistenmord, Einbruch..., ich hab schon gar nicht mehr richtig hingehört. Mir passiert schon nichts, dachte ich mir in meiner Naivität. Falsch gedacht. Am Samstagabend wurde ich ausgeraubt. Zwei Typen auf einem Fahrrad rissen mir meine Tasche vom Körper- Riemen kaputt, Tasche weg. Ich bin noch hinterher gerannt, hatte aber natürlich keine Chance. Geld, Kreditkarte, Schlüssel, Handy, I-Pod- alles weg. Nach drei Stunden bei der Polizei und einem kleinen Abenteuer um nach Hause und in die Wohnung zu kommen, war der Horror dann endlich vorbei.

Ich weiß nicht, wann ich an ein neues Handy komme, aber wenn dann würde ich gerne eure Nummern einspeichern. Würde mich freuen, wenn ihr mir die schicken könntet.

Freitag, 5. Juni 2009

besada de felizidad

In den letzten Wochen wurde ich schmerzhaft daran erinnert, dass selbst Buenos Aires nicht nur aus sengender Hitze und strahlendem Sonnenschein besteht. Nein, auch hier verkriecht sich das Quecksilber, eine frische Brise zieht auf und gelegentlich findet auch der ein oder andere Wassertropfen seinen Weg auf lateinamerikanischen Boden. Sehr zu meinem Leidwesen. Ich wurde einfach nicht für die Kälte gemacht. Wäre ich ein Tier, dann würde ich in subtropischen Zonen auf sonnenbeschienen Ästen dösen, in Wäldern der ewigen Wärme... Stattdessen muss ich mich nun mit dem Herbstanfang abfinden, und das war in den letzten Wochen mit kaputter Heizung wie ein Stoß ins kalte Wasser. Aber das Leiden hat ein Ende: Der liebe Vermieter hat sich heute erbarmt, den kleinen weißen Kasten zu reparieren, sehr zur Freude meiner Eiszehen. Und heute scheint auch die Sonne in einem strahlend blauen Himmel, die Welt ist schön.
Und hier noch ein weiterer Grund zur Heiterkeit: Ich habe mir noch ein drittes Praktikum an Land gezogen! Man erinnere sich schwach an die dunklen Zeiten, als ich verzweifelt einen Wust von Bewerbungen abschickte, mit trüben Augen Zeitschriftenstände durchwühlte, immer auf der Suche nach einem barmherzigen Arbeitgeber. Jetzt habe ich eine Antwort bekommen. Antwortgeber: Art director von La Mano, einer Musikzeitschrift, die sich vom Einheitsbrei abheben will, und damit ungewollt Designtrends vorgegeben hat.
Da konnte ich natürlich nicht wiederstehen. Also bin ich hingedüst, so weit raus, dass noch nichtmal mehr die Subte hinfährt, aber egal, ich hatte Blut geleckt. Dort angekommen erinnerte ich mich wieder, dass es keine Redaktion gab, also fand ich mich im Wohnzimmer des Art Directors wieder. Nettes Gespräch, Käffchen, Arbeitsproben zeigen, Musik hören, Fragen, Antworten, Erfolg. Keine festen Arbeitszeiten, ich kann viel von zu Hause machen, eigene Ideen einbringen, schreiben, fotografieren und designen. Ich bin vom Glück geküsst!
Beim Argentinischen Tageblatt bin ich aber nach wie vor mehr als zufrieden. Kulturjournalismus ist schon was feines; Ausstellungen, Messen, Interviews, Filmkritiken- da verbindet sich Arbeit mit Vergnügen. Einige meiner Artikel werden zusätzlich noch auf kunstinargentinien.com veröffentlicht, der Kunstseite meiner Chefin. Von meinem anderen Praktikum habe ich seit ewig und drei Tagen nichts mehr gehört, egal, das Zertifikat hab ich!
Gestern habe ich einer Schulklasse Rede und Antwort zu Deutschland, Journalismus, meiner Reise, und allem und nichts gestanden. Circa dreißig kleine Mediziner (tut mir Leid, aber diese Schuluniform lässt wirklich keine andere Assoziation zu) quetschten mich und meine Praktikumskollegin Dorothee bis zum letzten Tropfen aus, hörten mit großen Augen zu und plauderten aus ihrem eigenen Leben. Sehr aufgeweckt, sehr interessiert. Wie ist denn die Meinung in Deutschland zu den politischen Systemen in Lateinamerika? Ääähh, Doro, willst du nicht antworten? Dann wieder eine Frage zum Entspannen: Wie findet ihr die Pizza hier? (fettig und phantasielos, ich hab's mal weise lächelnd für mich behalten) Danach dann kurz die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Deutschland beschreiben- die Themensprünge waren abenteuerlich. Aber es war nett, Schlussfrage: Fühlst du dich hier wohl? Ja.